Führungsqualitäten in Guild Wars - 20. November 2006

Von Adam Sunström

Wenn ihr die meisten Guild Wars-Spieler danach fragt, wer ihrer Meinung nach das wichtigste Mitglied ihres Teams ist, erhaltet ihr in 99,9% aller Fälle die gleiche Antwort: “Der Mönch”. Diese Antwort ist jedoch leider nicht ganz richtig. Ich kenne Guild Wars schon sehr lange (noch bevor die erste PvP-Karte ins Spiel integriert wurde) und habe mich seit eh und je auf den kompetitiven Aspekt des Spiels konzentriert. Nach meiner Erfahrung macht die Führungsqualität eines jeden Teams den Unterschied zwischen einem guten Team und einem mittelmäßigen Team aus. Mit Führungsqualität meine ich dabei nicht die Auswahl von Teammitgliedern und das Festlegen von Spielzeiten sondern die praktischen Führungsqualitäten im Spiel, die PvP-Spieler im Allgemeinen das Ausrufen von Zielen nennen. Im Artikel dieser Woche erfahrt ihr, wie ihr mit Voice-Chat-Programmen wie Ventrilo oder Teamspeak Ziele effektiver ausrufen könnt.

Der Caller (Ziel-Ausrufer)

Der Spieler, der die Ziele des Teams ausruft, muss besondere Qualitäten besitzen, um seine Aufgabe effizient ausführen zu können. Er muss sehr flexibel sein, sich an verschiedene Szenarien anpassen können und dem Team seine Anweisungen laut und deutlich vermitteln können, damit alle Spieler des Teams ihn auch verstehen. Gute Caller sind normalerweise ziemlich gesprächig und besitzen ein gesundes Maß an Selbstvertrauen. Caller müssen entschlossen und mit viel Souverän agieren, da das Team schnell die Orientierung verliert, wenn ein Ausrufer sich selbst unterbricht oder seine Anweisungen mitten im Satz abbricht.

Außerdem müssen Caller das Spiel und das von eurem Team gespielte Build in- und auswendig kennen und in der Lage sein, das Build des Gegners schnellstmöglich zu analysieren, um die eigene Taktik darauf einzustellen. Caller sollten erfahren genug sein, um Taktiken des Gegners wie das Blockieren eines Tors und das Abfeuern eines Tribocks bei Sieg oder Tod zu erahnen und dementsprechend darauf zu reagieren.

Auch ein hervorragendes Stellungsspiel zeichnet einen fähigen Caller aus, da dieser die Bewegungen des gegnerischen Teams ständig analysieren muss, um auf bedrohliche Entwicklungen für sein eigenes Teams oder eventuelle Fehler bzw. Splits des gegnerischen Teams schnellstmöglich reagieren zu können. Außerdem sollte der Caller jemand sein, der schon seit längerer Zeit Mitglied seiner Gilde ist und sich den Respekt und das Vertrauen der anderen Mitglieder erarbeitet hat.

Ihr solltet auch nie vergessen, dass der Anführer einer Gilde nicht unbedingt auch der Caller sein muss. Wenn der Gründer der Gilde nicht das Zeug zum Caller hat, sollte er sich dessen bewusst sein und diese Aufgabe zum Wohl der Gilde einem Spieler überlassen, der damit besser zurecht kommt.

Das Ausrufen von Zielen

Im Folgenden findet ihr einige Tipps, mit denen euer Caller seine Fähigkeiten in diesem Bereich noch verbessern kann. Wir hoffen, dass auch erfahrene Caller hier einige nützliche Hinweise finden können, da effizientes Ausrufen nicht gerade einfach und niemand perfekt ist.

  • Schweigen ist Silber, Reden ist Gold. Ein länger anhaltendes Schweigen des Callers kann in eurem Team Verwirrung stiften und es ist eure Aufgabe als Caller, sicherzustellen, dass jedes Mitglied eures Teams weiß, was es zu tun hat. Ruft anzugreifende Ziele so oft aus, wie es zum Spielstil eures Build passt und vergewissert euch, dass dem Team beim Stellungsspiel keine Fehler unterlaufen. Wenn ihr gegen ein Team antretet, das über Fertigkeiten mit starkem Wirkungsbereich-Schaden verfügt, solltet ihr euer Team daran erinnern, sich auszubreiten. Wenn das Kampfgeschehen durch Wartezeiten unterbrochen wird (z.B. zu Beginn von Sieg oder Tod), solltet ihr euer Team auf die verschieden möglichen Strategien einstellen, die der Gegner nach der Unterbrechung gegen euch einsetzen könnte.

  • Wenn ihr euch sicher seid, dass der Hauptteil des Teams unter Kontrolle ist, solltet ihr euch um die Spieler kümmern, die nicht auf eurem Kompass zu sehen sind und sicherstellen, dass sie wissen, was zu tun ist. Achtet darauf, dass eure früheren Anweisungen befolgt wurden, ganz gleich ob es sich dabei um die Heilung von Teammitgliedern oder das Töten von NSCs im feindlichen Stützpunkt handelt.

  • Wenn ihr ein durch einen Spike zu eliminierendes Ziel ausrufen wollt, solltet ihr versuchen, dies mit einem Countdown im Sekunden-Rhythmus zu tun. Spieler mit Fertigkeiten, die eine längere Wirkzeit aufweisen (wie z.B. Kugelblitz) müssen das Wirken auf die Sekunde genau timen. Wenn euer Countdown also zu langsam oder zu schnell ist, riskiert ihr, dass der Spike scheitert.

  • Wenn ihr selbst oder einige Spieler eures Spike-Teams mit Verzögerungen (lags) in eurem Voice-Chat-Programm zu kämpfen haben, solltet ihr die Spielinterne Uhr benutzen, um Spikes herunterzuzählen. Beispiel: Wenn die spielinterne Uhr 14:30 anzeigt, könnt ihr den folgenden Befehl geben: “Ich möchte, dass Ziel X um 14:40 gespikt wird."

  • Wenn ihr wollt, dass ein Spieler einer bestimmten Klasse etwas Bestimmtes tut, solltet ihr ihn mit seinem Namen, und nicht mit seiner Klasse anreden. Wenn beispielsweise euer Flaggenläufer unter einem Sterbemalus leidet und ihr möchtet, dass einer eurer beiden Krieger mit starker Rüstung die Flagge zur Flaggenstange bringt, solltet ihr eure Anweisung folgendermaßen formulieren “Bob, übernimm die Flaggenstange vom Flaggenläufer und bring sie zur Flaggenstange.” Wenn ihr stattdessen nur sagt “Ich möchte, dass ein Krieger die Flagge übernimmt und sie zur Flaggenstange bringt”, verschwendet ihr unter Umständen nur Zeit, da das Team nicht weiß, welcher der beiden Krieger den Befehl ausführen soll.

  • Bleibt immer auf das laufende Spiel konzentriert. Wenn das aktive Spielgeschehen eine zeitlang unterbrochen ist und ihr eurem Team während dieser Zeit von dem spannenden Film erzählt, den ihr gestern Abend gesehen habt, werdet ihr sehr wahrscheinlich nicht auf unerwartete Aktionen des gegnerischen Teams reagieren können.

Effiziente Kommunikation

Im Folgenden findet ihr einige weitere Tipps, die die Kommunikationsfähigkeit des gesamten Teams verbessern können und nicht nur den Caller betreffen.

  • Sorgt für Ruhe. Themen oder Diskussionen, die mit dem aktuellen Spielgeschehen nichts zu tun haben, lenken Spieler unnötig ab und können das Chat-System gerade dann überladen, wenn der Caller eine Anweisung geben möchte. Wenn ihr nicht der Caller seid, solltet ihr eure Kommentare und Kommunikation auf ein Mindestmaß beschränken. Wenn ihr als Flaggenläufer fungiert, solltet ihr das Team über euren Status auf dem Laufenden halten. Wenn ihr einen Krieger spielt, solltet ihr falls nötig Blindheitsentfernung anfordern. Ein Krieger sollte niemals über die Aufgabe des Flaggenläufers reden, außer wenn er direkt daran beteiligt ist.

  • Redet über Probleme, nicht Spieler. Wenn einem Spieler wiederholt der gleiche Fehler unterläuft, solltet ihr klarstellen, was von nun an anders gemacht werden muss, anstatt den Spieler persönlich zu kritisieren oder ihm Vorwürfe zu machen.

  • Build-Diskussionen haben im Spiel keinen Platz. Wenn alle Angriffe eurer Krieger geblockt werden oder der Gegner ihnen ständig ausweicht, solltet ihr versuchen, den Wirker von Aegis oder Abwehr gegen Nahkampf zu unterbrechen oder ihn unter Druck zu setzen. Verschwendet auf keinen Fall Zeit mit Kommentaren wie z.B.: “Ich hab euch doch gesagt, dass wir in diesem Build mehr Verzauberungsentfernungen brauchen, aber ihr wolltet ja nicht auf mich hören.” Das ist alles andere als produktiv und nach dem Spiel habt ihr schließlich mehr als genug Zeit, um über Verbesserungen an eurem Build zu reden.

  • Lasst euch nicht entmutigen. Ganz egal, wie aussichtslos eine Lage auch erscheinen mag - gebt niemals die Hoffnung auf den Sieg auf und verschwendet keine Zeit mit Schuldzuweisungen. Wenn die Kommunikation durch Sticheleien oder gegenseitige Schuldzuweisungen vergiftet wird, riskiert ihr nicht nur, dass ihr das Match verliert, sondern außerdem vergesst, worauf es beim Spielen hauptsächlich ankommt: Den Spaß am Spielen mit anderen.

  • Sucht zwischen Spielen nach Verbesserungsmöglichkeiten. Ganz egal, ob ihr gewinnt oder verliert: Nehmt euch zwischen und nach Spielen Zeit, um gemeinsam über Verbesserungsmöglichkeiten bezüglich eures Build, eurer Taktik, Kommunikation oder individueller Aspekte eures Spiels nachzudenken. Wenn ihr eine Niederlage erlitten habt, solltet ihr den Caller als Diskussionsleiter fungieren lassen und jedem Spieler die Möglichkeit geben, über seine Schwierigkeiten zu reden und Verbesserungsmöglichkeiten vorzuschlagen. Verhaltet euch anderen Spielern gegenüber respektvoll und lasst sie ausreden.

  • Vermeidet es, den Caller im Nachhinein zu kritisieren. Selbst wenn seine Anweisungen taktisch unklug erscheinen mögen, ist es besser, wenn alle Spieler seinen Anweisungen gemeinsam folgen, anstatt sich ihnen zu widersetzen und die Aktionen des Teams mit Einzelaktionen im Keim zu ersticken. Wenn eine Entscheidung eures Callers sich als Fehler entpuppt hat, solltet ihr erst nach dem Spiel darüber reden. Dabei gibt es natürlich auch einige Ausnahmen: Wenn ihr der festen Überzeugung seid, dass euer Caller aufgrund fehlender Informationen eine schlechte Entscheidung trifft, solltet ihr ihm diese Informationen zukommen lassen, aber seinen Anweisungen weiterhin so lange folgen, bis er sie ändert.

Häufige Fehler

Wenn ihr ein effizienter Caller sein wollt, solltet ihr die folgenden häufig gemachten Fehler vermeiden:

  • Lasst euch unter Druck nicht aus dem Konzept bringen. Dies mag sehr offensichtlich klingen, ist aber dennoch einer der häufigsten Fehler, der Callern unterläuft. Wenn sich das Kampfglück zu Gunsten des gegnerischen Teams zu wenden scheint, dürft ihr euch nicht entmutigen lassen und solltet euch nicht den Wind aus den Segeln nehmen lassen oder zornig werden. Einige Ausrufer brillieren, solange alles nach Plan läuft aber fallen wie ein Kartenhaus in sich zusammen, sobald sie unter Druck gesetzt werden. Konzentriert euch auf die Optionen, die euch tatsächlich zur Verfügung stehen, gebt weiterhin eure Anweisungen und sorgt dafür, dass das Team weiterhin organisiert bleibt.

  • Missverständliche Anweisungen. Vermeidet missverständliche Anweisungen, die Spieler falsch verstehen können. “Zurückziehen” kann als “Kampf einstellen und zurückziehen” oder auch als “Wagt euch nicht zu weit vor” verstanden werden. Wenn ihr einmal keine eindeutige Formulierung parat haben solltet, könnt ihr immer noch auf der Karte einzeichnen, wohin sich die Spieler bewegen sollen.

  • Falsch gewähltes Charakterbuild. Caller sollten einen Charakter spielen, der relativ einfach zu handhaben ist, in der Nähe des Teams bleibt und feindliche Ziele erfassen kann. Wenn ihr ein eher kompliziertes Build spielt, das Verbündete als Ziel erfassen, sich von der Gruppe trennen oder viele Unterbrechungen wirken muss, wird es für euch sehr viel schwieriger, euer Team erfolgreich anzuführen. Krieger, Elementarmagier oder Paragone eignen sich am besten als Ausrufer-Charaktere, da sie es euch ermöglichen, dem Stellungsspiel die nötige Aufmerksamkeit zu schenken und weil diese Klassen sich normalerweise ziemlich nahe an der Frontlinie aufhalten, wo sie sofort sehen können, wenn sich ein Gegner zu weit vorwagt oder unter niedrigem Lebenspunktestand leidet.

Ich hoffe, dass dieser Artikel euch gezeigt hat, wie wichtig gute Kommunikation in Guild Wars ist und dass ihr nur davon profitieren könnt, wenn ihr eure Kommunikationsfähigkeit verbessert. Ihr habt auch sicher schon über einige Dinge nachgedacht, die ich in meinem Artikel ausgelassen oder vielleicht sogar übersehen habe. Vergesst nicht, dass ihr niemals selbstgefällig werden solltet, da es immer etwas gibt, das ihr besser machen könnt - selbst dann wenn ihr euch bereits erfolgreich behauptet habt.


Adam Sunström war Guild Wars Alphatester und spielt Guild Wars seit Februar 2004. Die kompetitiven Gesichtspunkte des Spiels interessierten ihn von Anfang an. Bei den ersten Beta Weekend Events führte er seinen ehemaligen Clan “The Fianna” erfolgreich an. Er ist gegenwärtig Mitglied von Black Widow [Wi] und stolzer Träger des “[iA]-Gütesiegels”.