Status des Spiels – 12. Juni 2006
Der ausgewogene Build: Die Fähigkeit, sich anzupassen
Die älteste und wohl beste GvG-Vorlage von Guild Wars dürfte wohl der ausgewogene Build sein. Ausgewogene Builds gibt es schon seit den ersten Beta Weekend Events (BWE) und sie machen immer noch einen Großteil der GvG-Builds aus. Bei diesen komplexen Builds ist ein großes Maß an taktischer Präzision und einiges an Synergie zwischen den einzelnen Charakteren erforderlich, und sie verlangen auch nach diversen Verteidigungsstufen: Druck, Spiking und Aufteilung. Bei einem ausgewogenen Build werden individuelle Fertigkeiten und Team-Koordination gleichermaßen in einer Weise auf die Probe gestellt, wie man es sonst bei kaum einem anderen Build findet. Wenn man Spitzenteams befragt, welchen Build sie bevorzugt spielen, erhält man in der Regel immer dieselbe Antwort: einen ausgewogenen Build.
Ich habe mir Kriegar Shutdown von “Treacherous Empire [Te]” geschnappt (momentan Platz 4 auf der weltweiten Guild Wars-Leiter mit einem Rekord von 43:1) und ihn gefragt, warum er konsequent an ausgewogenen Builds festhält. Laut Kriegar “kann ein ausgewogener Build nicht einfach durch den Austausch einer Fertigkeit besiegt werden und er kann sich gegen fast alles behaupten”. Es ist nicht leicht, einen ausgewogenen Build in einem aus drei Spielen bestehenden Match (z. B. den Vorentscheidungen) zu besiegen, weil er sich auf der offenen Leiter gegen eine Vielzahl von Build-Vorlagen behaupten kann. Derzeitig gibt es einen Trend zu “Trick"-Builds auf der Leiter und ich habe Kriegar gefragt, ob er sich Gedanken darüber macht, dass diese Builds bald in Guild Wars vorherrschend sein könnten. “Trick-Builds sind toll, wenn man auf der Leiter nach oben steigen will,” meinte er, “aber eine Menge Gilden unterschätzen die Leiter als Trainingsmöglichkeit für die Vorausscheidungen. Wenn sie also immer wieder denselben Trick anwenden, wissen die Leute bald, wie man ihm begegnet, und dann sie sind erledigt.”
Kniffe und Tricks
Was genau ist ein ausgewogener Build? In Guild Wars besteht ein ausgewogener Build aus zwei Komponenten. Die eine ist “Ausgewogenheit” in den Klassen, d. h. eine gute Kombination aus Schadenwirkung, Nützlichkeit und Heilung. Die andere besteht in einer ausgewogenen Zusammenstellung, die es möglich macht, verschiedene Arten von Builds zu kontern, wobei die Flexibilität erhalten bleibt. Die meisten ausgewogenen Builds verwenden eine Kombination aus Druck und Spike, jedoch ist ein ausgewogener Build effektiver, wenn er Kämpfe allein durch Druck für sich entscheiden kann. Wenn sich Druck als nutzlos erweist, kann Spiking hinzugefügt werden, damit Feinde auf Trab gehalten werden.
Die meisten ausgewogenen Builds verrichten ihre Funktion mit zwei Kriegern für die Offensive, allerdings arbeiten manche auch mit zwei Kriegern und einem Assassinen oder mit drei Kriegern. Am gebräuchlichsten für die mittlere Reihe ist eine Kombination aus Mesmern, Waldläufern (die entweder auf “Verkrüppelungs-Schuss” oder Fallen bauen) und Nekromanten. Die Waldläufer konzentrieren sich fast ausschließlich aufs Drangsalieren von Gegnern und auf Unterbrechungen, während Mesmer aufs Ausschalten spezialisiert sind und eine unterstützende Rolle spielen. Nekromanten agieren gewöhnlich als Verhexungs-Spammer und manche werden auch eingesetzt, um Krankheit zu verursachen. Zwei Mönche untermauern gewöhnlich die Verteidigung der meisten ausgewogenen Builds. Manchmal landen auch sekundäre Heilfertigkeiten (z. B. “Leben einflößen” und “Gruppe heilen") im Fertigkeitsbalken eines Charakters, aber wenn man mehr als zwei Mönche in einem ausgewogenen Build hat, behindert das normalerweise die Fähigkeit, Druck auszuüben.
In diesen Builds unterstützen normalerweise Elementarmagier/Mönche die Mönche, und während sich viele offensive und defensive Fertigkeiten ändern, bleiben die meisten Elementarmagier/Mönche bei “Gruppe heilen”, “Zustände entziehen” und einigen Formen der Verhexungsentfernung. Dank ihrer Mobilität agieren Waldläufer oder Elementarmagier als Flaggenläufer.
Aufteilung
Ausgewogene Builds werden fast immer im Hinblick auf Aufteilung zusammengestellt. Die Team-Anführer teilen ihren Build in zwei Gruppen (üblicherweise 4/4 oder 5/3 Charaktere), sodass sie ihren Gegnern nicht in einer 7-gegen-7 oder 8-gegen-8-Aufstellung entgegentreten müssen. Die Bedeutung des Aufteilens wird klar, wenn gegen ein Spike-Team gekämpft werden soll. Anstatt es mit 700 – 800 Punkten Spike-Schaden durch acht Charaktere zu tun zu bekommen, muss das aufgeteilte Team nur 300 – 400 Punkte Schaden durch vier Charaktere in Kauf nehmen.
Kampf gegen einen Spike-Build
Gegen die meisten Spike-Builds haben ausgewogene Builds zwei Möglichkeiten: Sie können versuchen, sich aufzuteilen, oder sie üben Druck aus.
Bei ausgewogenen Builds ist es oft schwierig, gegen einen Spike-Build Druck auszuüben, es sei denn, der Build wurde speziell für diese Aufgabe zusammengestellt. Während die Aufteilung nämlich auf manchen Karten äußerst schwierig ist, können sich viele ausgewogene Builds anpassen. Dadurch werden mehrere Unterbrechungen (hauptsächlich “Schrei der Frustration"), mehrere Blackouts hintereinander und starke Verteidigung gegen Spikes möglich.
Um bei einem Spike-Build erfolgreich Druck auszuüben, muss ein ausgewogener Build zunächst durch Unterbrechungen Spiking verhindern und Spitzenschaden verhindern, um dann für Volltreffer bei den entsprechenden defensiven Zielen zu sorgen. Bei älteren Versionen von Spike-Builds bedeutete das die ausschließliche Verwendung von Mönchen, sie waren der Schlüssel zur Verteidigung der Spike-Builds und ohne sie hatten diese keine Chance. Modernere Spike-Builds haben jedoch überhaupt keine Mönche mehr, denn sie wurden durch Ritualisten oder Waldläufer/Ritualisten ersetzt.
Aufteilung ist die eher traditionelle Antwort eines ausgewogenen Builds auf aufgeteilte Builds, aber diese Strategie hängt größtenteils von der verwendeten Karte ab. Ein ausgewogener Build kann gegen Spike-Builds Guerillataktik anwenden, da diese nicht so beweglich sind. Kleinere Karten allerdings verhindern unter Umständen eine solche Taktik. In Falle eines Falles ist ein ausgewogener Build also gezwungen, frontal anzugreifen.
Kampf gegen einen Verhexungs-Build
Während es manchmal möglich ist, mit einem ausgewogenen Build Druck auf einen Spike-Build auszuüben, ist dies bei einem Verhexungs-Build ungleich schwieriger.
Ursache dafür ist die große Stärke der Verteidigung durch die Verhexungen, die den Druck eines ausgewogenen Builds verlangsamen oder sogar ganz aufheben können. Wenn ein ausgewogener Build bei einer umfassenden Konfrontation nicht mit den Verhexungen klarkommt, ist er sozusagen zur Aufteilung gezwungen. Die “Geißelheilung” ist in diesen Kämpfen die wichtigste Verhexung, denn manchmal kann sie einen Elementarmagier/Mönch daran hindern, “Gruppe heilen” effektiv anzuwenden.
Kampf gegen einen Zustand/Degeneration-Build
Zustände und massive Degeneration können sich für einen ausgewogenen Build häufig als problematisch erweisen, wenn defensive Charaktere unterbrochen werden.
Die wichtigsten Angriffspunkte hierbei sind Elementarmagier/Mönche mit “Gruppe heilen”. Wenn der Elementarmagier/Mönch unter Druck gesetzt oder wenn “Gruppe heilen” unterbrochen wird, muss sich das ausgewogene Team zurückziehen, bis er wieder in der Lage ist, die Degeneration zu verkraften. Fertigkeiten wie “Löschen”, “Märtyrer” und “Zustand wiederherstellen” können in Bezug auf den Ausgang dieses Kampfs eine große Rolle spielen.
Kämpfe gegen Druck-Builds
IWAY ist wahrscheinlich der bekannteste Druck-Build und verdeutlicht, welche Probleme ein Build wie dieser einem ausgewogenen Build bereiten kann.
Während ein ausgewogener Build so entworfen wurde, dass er gegen viele verschiedene Angriffe bestehen kann, hat er es schwer, sich gegen ein Übermaß ein und desselben Typs zu wehren. Während es IWAY an Vielseitigkeit und Verteidigung mangelt, bietet dieser Build starke, offensive Angriffe in Form von Nahkampfschaden, Wirkungsbereichschaden und Zuständen (meist “Krankheit"). Falls es einem ausgewogenen Build lange genug gelingt, die Offensive von IWAY abzuwehren, um weniger wichtige Ziele auszuschalten, können die Krieger in Schach gehalten werden. Bei diesem Build ist das Können der Spieler ein wesentlicher Faktor und ein vernünftiger, strategischer Rückzug kann für den Ausschlag zwischen “Ziehen wir uns zurück, damit unsere Mönche wieder Energie sammeln können!” und “Wie sieht es mit Eurem Sterbemalus aus?” sorgen.
Spiegel-Match – ausgewogener Build gegen ausgewogenen Build
Bei Spiegel-Matches dreht sich alles um individuelles Können und Taktik. Mönche werden zu Königen auf dem Guild Wars-Schachbrett und “Siegel der Wiederbelebung” sind ihr Gewicht jeweils in Platin wert. Druck, Spiking, Ausschalten, Aufteilen, Verhexung sowie die Entfernung von Verzauberungen sind wichtige Faktoren. Jeder einzelne davon ist für Verteidigung und Offensive gleichermaßen unverzichtbar. Es geht vornehmlich um das Ausschalten von Gegnern. Bei Umklammerungsspielen kann das Pendel leicht zur einen oder anderen Seite ausschlagen. Die spannendesten Spiele in Guild Wars finden in der Regel zwischen gleichwertigen ausgewogenen Builds statt, denn hier entscheiden nicht Tricks oder eventuelles Ungleichgewicht in Bezug auf Fertigkeiten darüber, wer den Sieg davonträgt.
Ausgewogene Builds sind kompliziert und in vieler Hinsicht schwer zu spielen. Sobald man die dahinter steckende Philosophie einmal verinnerlicht und die Ausführung perfektioniert hat, erweisen sie sich jedoch als die vielseitigsten und anpassungsfähigsten Builds beim kompetitiven GvG. Von allen Charakteren eines ausgewogenen Builds wird Vorausdenken verlangt, und wenn Ihr erst einmal erlebt habt, wie viel Spaß ein gut ausgewogener Build machen kann, werden Ihr bald verstehen, warum diese Builds von den besten GvG-Gilden bevorzugt werden.
Jonathan Sharp spielt kompetitive Online-Strategiespiele seit es WarCraft II und StarCraft gibt. In Guild Wars war er Mitglied von zwei Top 5-Leiter-Teams: “Club G” und “Negative Zero”. In der jüngeren Vergangenheit hat er als Multiplayer-Spieldesigner für Stainless Steel Studios in Boston gearbeitet und er besitzt einen “Bachelor of Arts"-Abschluss in Philosophie. Momentan widmet er sich zwei seiner Leidenschaften: dem Spieldesign und dem Schreiben. Man trifft ihn in Spielen gegebenenfalls als “Chaplan Observant” an.





















