Der Kampf um Kyhlo (Tag Drei)
“Die haben das Tor durchbrochen!”
Mordakai fällte einen weiteren Eiferer und drehte sich um. Er sah, dass die östlichen Tore des Schlosses weit offen standen.
Der Durchgang zur östlichen Seite der Festung war enger, schwieriger zu erklimmen und von den Schlossmauern aus auch einfacher zu verteidigen. Auch hier waren Männer postiert gewesen, allerdings weniger als am vorderen Tor. Jetzt lagen sie alle tot am Boden, überwältigt von einem riesigen Kriegshaufen.
Mordakai hob seinen Hammer über den Kopf. “Zum Gildenherrn!”, rief er und eilte zum offenen Tor.
Die anderen Elitewächter folgten dem großen Krieger.
Genau im östlichen Tor blieb Mordakai plötzlich stehen. Auf dem Boden lag Burian mit verdrehtem Kopf und seine Augen starrten verblüfft in den Himmel, als könne er Balthasar selbst sehen. Seine feinen weißen Gewänder färbten sich rot mit dem Blut, das aus einer Wunde in seiner Brust strömte.
Mordakai kniete neben dem Mönch nieder. Er konnte nichts machen: Die Kraft seiner Arme und all seine Fertigkeiten konnten dem Freund nicht helfen. Der Krieger atmete tief durch. Nie zuvor hatte er sich so schwach und hilflos gefühlt wie jetzt.
“Sie haben die Kleriker getötet”, rief ein Bogenschütze von seinem Posten auf der Mauer.
Diese Worte rüttelten Mordakai aus seiner Erstarrung.
Die Eiferer vom Zittergipfel waren keine Narren. Nachdem sie erst einmal im Schloss waren, hatten sie sich zuerst über die Heiler hergemacht. Als Nächstes würden die anderen Zauberwirker an die Reihe kommen und dann erst der Gildenherr.
Mordakai biss die Zähne zusammen. Mit den Mönchen und Klerikern hatten die Auserwählten von Ascalon auch alle Heilzauber verloren. Ihre Gebete an Dwayna würden nur noch auf taube Ohren stoßen.
Wer jetzt im Kampf fiel, würde nicht mehr zurückkommen.
Mordakai stand auf und stürzte die Treppen nach oben, immer zwei Stufen auf einmal nehmend. Oben bot sich ihm ein Überblick über das wirbelnde Kampfgetümmel. Der Gildenherr stand auf der erhöhten Estrade inmitten des Schlosses, umzingelt von mehr als einem halben Dutzend Eiferern. Kleinere Kampfnester waren über den offenen Hof zerstreut.
Mordakai stürzte sich hinein.
Ein paar Eiferer griffen gerade einen Bogenschützen der Auserwählten an. Mordakai zog seinen Hammer nach oben und landete ihn in einem flachen Bogen auf dem Helm des ersten Eiferers. Der Mann flog zur Seite, sein Kopf knallte gegen den Kopf des zweiten Eiferers und beide brachen zusammen.
Der große Krieger nahm zwei weitere Stufen und schlug mit seinem Hammer einen weiteren Eindringling in den Rücken. Der Klang sich verbeulenden Metalls und das Krachen von Knochen hallte von den Steinwänden des Schlosses wider und ein weiterer Eiferer fiel zu Boden.
Mit seinem nächsten Schritt erreichte Mordakai die untere Stufe der Estrade und tauchte sofort in einem waldgrünen und eisblauen Meer unter – Eiferer in den Farben des Zittergipfels.
Oben von der Estrade erhob sich ein Schrei. Der Gildenherr war gefallen. Mordakai schmetterte einen Eiferer zur Seite, dann den nächsten, fest entschlossen, sich zu seinem Gildenherrn durchzukämpfen. Doch angespornt durch ihren Sieg über den Gildenherrn wichen die Eindringlinge keine Handbreit zurück, sondern fielen in Schwärmen über ihn her und nagelten ihn an seinem Posten bei der Treppe fest.
Ein Speer bohrte sich in seinen Magen und ein Schock durchfuhr seine Wirbelsäule. Es war, als hätten seine Innereien plötzlich Feuer gefangen und der Schmerz fuhr mit der Geschwindigkeit einer vom Wind angefachten Flamme durch seinen Körper. All seine Muskeln zogen sich in dem Versuch zusammen, die Todesqual zurückzudrängen. Jede einzelne Pore schmerzte in der Erkenntnis, eine tödliche Wunde empfangen zu haben. Mordakai taumelte nach vorn, als der Speer aus seinen Gedärmen gezogen wurde. Er schauderte, als der Speer sein Fleisch ein weiteres Mal durchbohrte.
Sein Kopf fühlte sich plötzlich leicht an und der Schmerz wurde langsam taub. Sein brennender Hass auf die Eiferer des Zittergipfels ließ nach und ein warmes Gefühl erfasste ihn, ganz wie ein Sommerhauch an einem Sandstrand. Seine müden Muskeln entspannten sich und die Sorge, das Schloss zu verteidigen, war wie weggeblasen.
Der große Krieger zuckte kaum zusammen, als der Speer ein drittes Mal seine Rüstung durchbohrte.
Als sein Körper zu Boden fiel, wanderten Mordakeis Gedanken weg vom Schloss. Er dachte zurück an den Tag, an dem er seine Frau und seine Tochter verlassen hatte, um das Schloss zu verteidigen. Er sah Devonas Gesicht klar vor sich, wie sie ihn zum Abschied geküsst hatte. Das schien eine Ewigkeit zurückzuliegen.
“Sei nicht traurig, Devona”, hatte er gesagt. “Bevor du es merkst, bin ich wieder zurück. Das verspreche ich dir.”
Sein kleines Mädchen hatte ihn angelächelt. “Ich weiß, Vater.”
Das Bild von Devona verblasste und Mordakai schloss seine Augen. “Bevor du es merkst, bin ich wieder zurück.” Der große Krieger tat seinen letzten Atemzug und sank auf dem Stein in sich zusammen.





















